NEWS

Übereinstimmung in kennzeichnungsschwachen Bestandteilen

EuG Urteil vom 3.7.2024 -T-530/23 - SANYTOL/saniteb

 Inhalt

Zeichen im kennzeichnungsstarken Bestandteil verschieden

Die UnionsmarkenanmeldungSaniteb Logobeansprucht Schutz für Waren im Bereich der Hygiene und Desinfektion in den Klassen 5 und 10. Im Jahr 2021 reichte der Inhaber der Unionsmarke Sanytol Logo Widerspruch beim EUIPO ein. Die Marke ist u.a. geschützt für Waren zur Hygiene und Desinfektion in den Klassen 3 und 5. Das EUIPO und die Beschwerdekammer des EUIPO wiesen den Widerspruch zurück. Trotz Identität der Waren und die unbestrittene Bekanntheit von SANYTOL für Desinfektionsmittel in Klasse 5 sei die Verwechslungsgefahr nicht gegeben. Die Zeichen unterschieden sich in den Bildelementen und stimmen nur in den kennzeichnungsschwachen Anfängen „sanyt“/„sanit“ überein – kennzeichnungsschwach, weil ein Verweis auf das Englische “sanitary”. Damit überwiegen im Zeichenvergleich die unterschiedlichen, kennzeichnungsstarken Endungen „eb” und „ol” – vor allem im Sinngehalt sind die Zeichen verschieden, da „eb” keine Bedeutung habe. Der Inhaber von SANYTOL ging vor den EuG, um die Entscheidung aufheben zu lassen.

EuG: Es erfolgt hier keine Zerlegung der Marken

Der EuG gibt der Klage statt und hebt die Entscheidung der Beschwerdekammer des EUIPO auf. Ein Grossteil der Verkehrskreise werde die Marken nicht in „sanyt“/„sanit“ und „ol“/„eb“ zerlegen. Dies entspreche weder der Silbentrennung noch gebe die grafische Ausgestaltung der Marken dazu Anlass. Die Verkehrskreise konzentrieren sich daher beim Zeichenvergleich nicht vorwiegend auf „ol“ oder „eb“.

Zeichenähnlichkeit auch vom Sinngehalt her

„SANYTOL” und „SANITEB” als Ganzes betrachtet sind damit ähnlicher in Wort und Schriftbild als vom EUIPO angenommen. Dies gilt auch für die Zeichenähnlichkeit im Sinngehalt, weil „sanyt“ und „sanit“ eine Assoziation mit „sanitär” hervorrufen. Hier verwies der EuG darauf, dass es nach der Rechtssprechung für eine Ähnlichkeit im Sinngehalt genüge, wenn nur dieselbe Idee oder dasselbe Konzept vermittelt werden würde.

In der Gesamtschau bedarf es hier der Bekanntheit der Marke

Auf der nächsten Stufe der Prüfung der Verwechslungsgefahr muss beachtet werden, dass die ähnlichen Zeichenanfänge „sanyt“ und „sanit“ kennzeichnungsschwach sind. Im Rahmen dieser Gesamtschau ist die gesteigerte Kennzeichnungskraft von SANYTOL infolge seiner Bekanntheit gewichtig. Die Verwechslungsgefahr sei nicht auszuschliessen.

Auf den Punkt

Diese Entscheidung zeigt, dass auch bei nur kennzeichnungsschwachen Bestandteilen eine Verwechslungsgefahr unter Umständen begründet werden kann. In diesem Fall hat der Marke SANYTOL die Bekanntheit geholfen. Zudem hat der EuG hier seine eigene Linie bestätigt, nach der eine Zerlegung von Zeichen dann notwendig ist, wenn einzelne Bestandteile eine konkrete Bedeutung haben und/oder die Silbentrennung und/oder Bildelemente eine Zerlegung nahelegen.

Quelle:
Info Curia Rechtsprechung

WEITERE NEWS
KI

KI-Kennzeichnung nach Art. 50 KI-VO: Was ab August 2026 gilt

Ab dem 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten aus Art. 50 KI-VO. Eine allgemeine Kennzeichnungspflicht für sämtliche KI-gestützten Inhalte sieht die Verordnung jedoch nicht vor.
KI / Markenrecht

Markenmissbrauch mit KI: Warum „erst anmelden, dann benutzen“ wichtiger wird

KI-Tools erleichtern das Aufspüren ungeschützter Marken. Für Unternehmen kann das auf Plattformen wie Amazon schnell teuer werden.

LG München I: Google muss für falsche KI-Antworten geradestehen

Das LG München I hat Google untersagt, falsche Aussagen aus einer „Übersicht mit KI“ weiterzuverbreiten. Die KI-Antwort wurde dem Suchmaschinenbetreiber als eigene Aussage zugerechnet.
Markenrecht

BGH „Mehmet Efendi“: Keine Erschöpfung durch Inverkehrbringen in der Türkei – Assoziationsabkommen erweitert den EWR nicht

Der BGH bestätigt: Wer Unions-/EU-Markenware in der Türkei in Verkehr bringt, löst damit keine markenrechtliche Erschöpfung im EWR aus. Das Assoziationsabkommen EWG–Türkei führt zu keiner Erweiterung des räumlichen Erschöpfungsbereichs; Parallelimporte in den EWR können ohne Zustimmung untersagt werden.
Markenrecht

BGH „LA BIOSTHETIQUE“: Deutsche Gerichte zuständig bei zielgerichteter Online-Werbung – Auskunft zu Lieferanten kann unverhältnismäßig sein

Der BGH richtet die internationale Zuständigkeit bei markenverletzender Online-Werbung am Zielmarkt aus: Maßgeblich ist, wo die adressierten Verbraucher/Händler sitzen – nicht Serverstandort oder Sitz des Werbenden. Zudem kann Auskunft über Lieferanten/Vorbesitzer ausnahmsweise unverhältnismäßig sein, wenn die Markenverletzung nur in der Präsentation erschöpfter Ware liegt.
Markenrecht

EuGH: „Besitz“ markenverletzender Ware umfasst auch Lagerung im Ausland – und auch mittelbaren Besitz

Der EuGH stellt klar: Markeninhaber können „Besitz“ (Art. 10 Abs. 3 lit. b RL 2015/2436) auch dann untersagen, wenn Ware in einem anderen Mitgliedstaat gelagert wird – sofern sie für Angebote/Vertrieb im Schutzstaat bestimmt ist. „Besitz“ erfasst zudem mittelbare Kontrolle (Aufsichts-/Leitungsbefugnis).

Karin Simon
Rechtsanwältin
Fachanwältin für gewerblichen Rechtsschutz

Susanne Graeser
Rechtsanwältin
Fachanwältin für gewerblichen Rechtsschutz

Uhlandstr. 2
D-80336 München